Aber was kann daran nicht gut sein, den Heidelbeermuffins der Bäckerei Remmert zu entsagen,beispielsweise? Immerhin sind sie locker für fünf Kilo Hüftspeck verantwortlich. Es ist nicht gut, weil einem etwas an diesen Heidelbeermuffins liegt. Wäre es nicht so, würde man sie nicht essen.
Wer etwas gern mag, kann es nicht einfach mal so sein lassen, ebenso wenig wie die Katze das mausen oder David Beckham die Finger von Posh Spice (und vice versa).
Die Idee des guten Vorsatzes geht davon aus, dass der Mensch sich selbst anleiten kann, dass er sich überwinden muss, um zu einem besseren Menschen zu werden.
Von einer religiösen Position aus betrachtet ist das kalter Kaffee.
Natürlich ist der Mensch schlecht und muss optimiert werden. Wäre es nicht so, bräuchten wir keinen Gott. Aber selbst Gott hat eine Geschichte und einen Anfang – und dieser hängt eng mit unserer Menschwerdung zusammen.
Das Ideal als ein Vorbild, das es zu erreichen gilt,geistert bereits seit grauer Vorzeit durch unsere Köpfe – genauer gesagt: Seitdem wir uns bewusst sind, einen Kopf zu besitzen, den man zum Denken verwenden kann.
Indem sich unsere Vorfahren als anders erfuhren, als die Umgebung, in der sie lebten oder zu überleben versuchten, als anders als das Tier, entstand die Notwendigkeit, dieses Anderssein zu kultivieren. Aus dem Gegensatz von Natur und Kultur entstand die Idee des Ideals, eines Mensch- und Selbstbildes, das es erforderte, mehr zu sein als ein verlauster Höhlenbewohner mit schlechten Angewohnheiten.
Das Menschsein war noch fragil, der Unterschied zum Tier musste durch eine ganze Reihe von Regeln manifestiert werden.
Das Tier verhält sich instinktiv, es frisst alles und jeden, es suhlt sich in seinem Dreck und paart sich völlig wahllos. Ganz folgerichtig entstanden also Regeln, die Verhalten, Nahrungsaufnahme, Hygiene und Sex reglementierten.
Damit trat Gott nicht länger nur als Verursacher diverser Phänomene wie Wetter, Tag und Nacht, Jahreszeiten und verschiedener Unglücksfälle nebst Jagdpech in Erscheinung, Er machte nun auch die Regeln. Und wehe, sie wurden nicht befolgt. In unserer gottlosen Zeit sagt uns aber kein höheres Wesen mehr, wo es langgeht. Die Deutungshoheit für unser Leben ist von der Religion auf die Ökonomie übergegangen. Für sie müssen wir bessere Menschen sein.
Wir optimieren uns, um Dinge schneller zu schaffen.
Wir werden effizienter. Wir räumen auf im Garten unserer Eigenarten, lernen nebenbei eine Fremdsprache wie chinesisch und betrachten unser gesamtes dasein unter dem Aspekt seiner nützlichkeit. Faulheit ist dabei nur vorgesehen, wenn sie sich als Entspannung im Spa oder beim Yoga maskiert und dabei als Mittel zur Wiederherstellung der eigenen Leistungsfähigkeit dient. Zielloser Müßiggang hingegen ist Anarchie!
Aber zurück zu den guten Vorsätzen. Dass wir uns innerlich dagegen sträuben, etwas zu tun, was
wir eigentlich nicht tun wollen, ist offensichtlich. Interessanterweise sind unsere Selbstoptimierungsfantasien außerordentlich bescheiden.
Sie betreffen in allen Fällen quantitative Aspekte unseres seins. Von allem wollen wir entweder mehr oder weniger. So als ob man nur einen Regler von links nach rechts oder anders herum verschieben müsste, um an die Pforte des Glücks zu klopfen.
Einzig und allein die Angabe „gesünder ernähren“ könnte bedeuten, sich besser zu ernähren. Aber vermutlich reicht es hier auch schon, mehr Gemüse und weniger Fett zu sich zu nehmen, um die Bedingungen zu erfüllen. In keinem Fall wird eine qualitative Veränderung angestrebt.
Niemand möchte gern besser Klavier oder Schach spielen können oder schöner malen oder etwas Ähnliches. Ebenso wenig findet man Vorhaben wie „endlich mal den K2 besteigen“ oder „Brügge sehen und sterben“ unter den guten Vorsätzen für 2011. Vielleicht liegt das daran, dass diese Sachen Spaß machen könnten. Ein guter Vorsatz darf das ja nicht (wir erinnern uns).
Von den top 10 der guten Vorsätze für 2011 betreffen sechs mehr oder weniger die Gesundheit:
Weniger Stress, mehr Bewegung und Sport, gesünder ernähren, abnehmen, weniger Alkohol, keine Zigaretten mehr. Dass Gesundheit nicht mehr gottgegeben oder vom Zufall abhängig ist, sondern im Gegenteil im hohen Maße von unserem eigenen Verhalten, ist ausgesprochen lästig. Denn in der Regel erfüllen wir nicht einmal die Mindestvoraussetzungen für die zufriedenstellende Wartung und Pflege des eigenen Körpers. Wir machen uns schuldig an uns selbst. Wir handeln fortgesetzt wider besseren Wissens falsch. Und das erzeugt Stress (siehe punkt 1 der top ten). Ein Teufelskreis.
Vielleicht wäre die richtige Antwort, wenn sie Opfer einer Umfrage zum Thema „gute Vorsätze 2012“ werden: Nein, ich habe keine guten Vorsätze. Aber eine ganze Menge schlechter Vorsätze.
Den 25-jährigen Single Malt Whiskey austrinken, bevor ich den Löffel abgebe und jemand anders ihn wegsäuft. Mir mal so richtig den Bauch mit Foie gras vollstopfen. Das Wochenende auf dem Sofa verbringen. Nicht mehr um 20.00 Uhr nach der Arbeit im Dunkeln und bei Regen joggen (macht einfach keinen Spaß). Auf den Bodymassindex pfeifen und mir vornehmen, rund und glücklich zu werden. Aber was rede ich – Ihnen fallen bestimmt ganz tolle, schlechte Vorsätze fürs nächste Jahr ein …